Ein kluger Kopf ...

Solo

Nach der letzten Folge des "Literarischen Quartetts" im Dezember 2001 wurde Marcel Reich-Ranicki im Februar 2002 "Solist". 13 Jahre hatte die Ära des "Literarischen Quartetts" gedauert, die Sendung "Reich-Ranicki Solo" blieb ein kurzes, ein Jahr währendes Intermezzo. Insgesamt neun Folgen sendete das ZDF, die erste am 3. Februar, die letzte am 3. Dezember 2002.

Dass jemand eine halbe Stunde lang gänzlich allein spricht, weder durch Filmbeiträge noch durch Gäste unterbrochen, und das auch noch in einer Kultursendung, dürfte in der bisherigen Geschichte des Fernsehens singulär gewesen sein und singulär bleiben. Thema sollten die "aktuellen Entwicklungen unseres Kulturlebens" sein, wie der Kritiker vor dem Start der Sendung erläuterte. Dabei waren Literatur, Literaturkritik und das literarische Leben dominant. Aber auch aktuelle Theaterinszenierungen, Literaturverfilmungen und Opernereignisse wurden in der Sendung kommentiert. In erster Linie betätigte sich Reich-Ranicki hier als Medienkritiker, als kritischer Beobachter der überregionalen Feuilletons, insbesondere der Literaturkritik. Die Sendung wurde zu einer Art Kulturtagebuch im Medium des Fernsehens und im Gestus "Polemischer Anmerkungen", wie die Sendung im Untertitel hieß. Der Kritiker präsentierte die wichtigsten kulturellen Ereignisse des Jahres 2002 aus seinem persönlichen Blickwinkel heraus. Er formulierte kurze Nachrufe zum Tod bedeutender Persönlichkeiten des kulturellen Lebens und erzählte Anekdoten über seine eigenen Begegnungen mit ihnen, wies mit pointierten Wertungen auf literarische Neuerscheinungen oder auch auf Klassiker der Weltliteratur hin. Gelegentlich reagierte er, in 'eigener Sache', auf diejenigen, die ihn eben kritisiert hatten.

Für jede Sendung bereitete Reich-Ranicki etwa sieben Themen vor und entschied sich während der Sendung, welche er behandeln wollte. Die Sendungen waren wie eine Vorlesung inszeniert und wurden einige Stunden vor ihrer Ausstrahlung vor Studiopublikum an einem Stück aufgezeichnet. Damit wurde ein Live-Charakter erzielt, der dem des "Lliterarischen Quartetts" glich. Auf einer Bühne thronte Reich-Ranicki hinter einem Schreibtisch, auf dem sich lediglich ein paar Konzeptpapiere, Bücher und - ganz wichtig - eine Uhr befanden. Reich-Ranicki dozierte und polemisierte frei, nur gelegentliche Blicke auf Notizen und Uhr strukturierten seinen Auftritt.

Der Ablauf folgte wie schon beim "Literarischen Quartett" eingespielten Ritualen. Den Auftritt leitete Robert Schumanns "Papillons op.2 - Davidsbündlertänze, op.6, Carnaval, op.9" ein, gespielt von Wilhelm Kempf. Am Ende gab der selbstbewusste Solist ein Bekenntnis der eigenen Fehlbarkeit ab – mit einem Zitat aus dem "Prolog im Himmel" in Goethes "Faust": "Jedoch, jedoch: Es irrt der Mensch, solang er strebt." Mit dem Gestus der Unüberheblichkeit immunisierte sich der Fernsehstar gegen mögliche Kritik am intellektuellen Anspruch der Sendung: Er wolle dafür sorgen, so hatte er erklärt, dass die Zuschauer auch ohne große Vorbildung auf unterhaltsame und diskussionsfreudige Art und Weise in die bunte Welt der Kultur einführt werden.

Mit einem durchschnittlichen Marktanteil von vier Prozent war diese kulturkritische Sendung durchaus erfolgreich. "Alle vier Wochen fünf aktuelle Themen haben, über die zu reden lohnt, ist gar nicht leicht in einer Epoche, wo das literarische Leben nicht so fabelhaft ist", beschrieb Reich-Ranicki die Schwierigkeiten der Sendung. Als weiteren Grund für seinen Ausstieg führte der Kritiker die zahlreichen anderen Verpflichtungen und Projekte an, die ihn, den 82-Jährigen, hinreichend beschäftigen. Eine neue Sendung mit Marcel Reich-Ranicki wird jedoch bereits geplant.

Die Sendung in der Medienkritik

folgt später

Die umfassenden Seiten von ZDF online zur "Solo"-Sendung sind unter der folgenden Adresse zu finden:
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0,1872,1020287,00.html

Artikel "Letztes Solo des ersten Geigers" im Spiegel online:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,225200,00.html

Mitarbeit: Christina Muth, Torsten Gellner

 

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