"Frankfurter Anthologie" Seit dem 15. Juni 1974 erscheint jeden Samstag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein deutsches Gedicht und eine kleine Interpretation dazu. Herausgegeben und redigiert wird diese "Frankfurter Anthologie" noch heute von Marcel Reich-Ranicki, der sie einst ins Leben gerufen hat. Die Gedichte und Interpretationen werden vom Insel Verlag nach ihrer Veröffentlichung in der Zeitung fortlaufend auch in Buchform publiziert. Im Jahr 2007 erschien der 30. Band, 2010 der 33. Band, der letzte im Insel Verlag. Die folgenden Bände erscheinen bei S. Fischer. Seit 2013 werden die Beiträge zur Frankfurter Anthologie auch online auf einer Sonderseite von FAZ.net veröffentlicht, mit Lesungen der interpretierten Gedichte. Entstehung und Konzept Gedichte und Interpreten Resonanzen Beispiele Bücher Entstehung und Konzept 1973 wurde Marcel
Reich-Ranicki von
Joachim Fest, dem
für das Feuilleton
verantwortlichen
Mitherausgeber der
F.A.Z., zum Leiter
des Ressorts "Literatur
und literarisches
Leben" berufen.
Den Einfluss des
damals bedeutendsten
Literaturteils deutscher
Zeitungen wusste
Reich-Ranicki geschickt
zu nutzen. Eines
seiner Anliegen war
es, die deutsche
Lyrik zu fördern,
"und zwar nicht ein-
oder zweimal, sondern
ständig". Die F.A.Z.
bot einen geeigneten
Rahmen, Gedichte
einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich zu machen.
Literaturkritische
Rezensionen von Lyrik
haben nach Reich-Ranickis
Einschätzung
in der Regel den
fatalen Fehler, langweilig
zu sein. Außerdem
sind ihre Möglichkeiten,
Textbeispiele anzuführen,
sehr begrenzt. Als
Alternative oder
Ergänzung dazu
war die "Frankfurter
Anthologie"
gedacht: Jede Woche
würde ein einzelnes
Gedicht abgedruckt
und von einem Interpreten
kommentiert werden.
Das Gedicht musste
nicht einem neu erschienenen
Lyrik-Band entstammen,
sondern konnte aus
jeder Epoche deutschsprachiger
Lyrik entnommen werden.
Die Interpretation
dazu sollte nicht
im Stil philologischer
Abhandlungen geschrieben
sein, sondern in
essayistischer Form
dem breiten Publikum
einen anregenden
Zugang zum Gedicht
vermitteln. Namhafte
Kritiker, Literaturwissenschaftler
oder Schriftsteller
sollten einen möglichst
persönlichen Blick
auf das Gedicht werfen
und ihre Sicht des
Textes verständlich
formulieren. Ansonsten
machte Reich-Ranicki
den Interpreten nur
eine Auflage: Der
Umfang sowohl des
Gedichtes als auch
der Interpretation
dürfen ein bestimmtes,
vom Platz auf der
Zeitungsseite vorgegebenes
Maß nicht überschreiten.
Das Gedicht darf
nicht mehr als dreißig
Verse, der Kommentar
nicht mehr als sechzig
Manuskriptzeilen
umfassen. Am 15.
Juni 1974 erschien
in der F.A.Z. mit
Goethes "Um Mitternacht"
das erste Gedicht
dieser Anthologie.
Interpret war Benno
von Wiese, einer
der damals prominentesten
Literaturwissenschaftler.
Reich-Ranicki stellte
das Unternehmen vor
- unter dem Titel
"Der
Dichtung eine Gasse". Entstehung und Konzept Gedichte und Interpreten Resonanzen Beispiele Bücher Die Gedichte und die Interpreten Bevor ein Gedicht in die "Frankfurter Anthologie" aufgenommen wird, muss es von einem Interpreten vorgeschlagen und dieser Vorschlag mit wenigen Sätzen begründet werden. Das Gedicht muss bereits veröffentlicht worden sein und soll möglichst aus einem im Buchhandel erhältlichen Gedichtband stammen. Bis heute sind Gedichte von über 350 Autoren erschienen. Goethe, Heine und Brecht gehören zu den am häufigsten ausgewählten Lyrikern. Die Anthologie wurde jedoch auch zu einem Forum zeitgenössischer Dichtung und noch junger, zum Teil wenig bekannter Autoren. Bei der Auswahl der Interpreten setzte Reich-Ranicki auf Prominenz, Kompetenz und Schreibfähigkeit. Zu den Mitarbeitern gehören vor allem Literaturkritiker, Schriftsteller, Journalisten und auch Literaturwissenschaftler, sofern sie dazu bereit und fähig sind, die akademische Diktion zu vermeiden. Im Freiraum der "Frankfurter Anthologie" erschienen in der F.A.Z. Beiträge auch solcher Autoren, die, zuweilen aus politischen Gründen, sonst nicht für diese Zeitung schreiben wollten oder durften. Zu den Autoren, die für die "Frankfurter Anthologie" immer wieder Interpretationen geschrieben haben, gehörten Erich Fried, Peter Härtling, Robert Gernhardt, Wolfgang Koeppen, Golo Mann, Ulla Hahn, Hans Magnus Enzensberger oder Siegfried Lenz. Seit etlichen Jahren
verleiht die F.A.Z.
an Interpreten, deren
Beiträge für
die "Frankfurter
Anthologie"
besonders hoch geschätzt
werden und die sich
auch sonst um die
Vermittlung von Lyrik
verdient gemacht
haben, einen Preis.
Zu den bisherigen
Preisträgern
gehören Ruth
Klüger, Peter
von Matt, Wolfgang
Werth, Wulf Segebrecht
(Mitarbeiter auch
von literaturkritik.de,
dessen Rede
zur Preisverleihung
hier nachzulesen
ist) und Harald Hartung. Entstehung und Konzept Gedichte und Interpreten Resonanzen Beispiele Bücher Resonanzen In der Redaktion der F.A.Z. selbst prognostizierten manche dem Projekt kein langes Leben. Dass viele Zeitungsleser sich über die Auswahl der Gedichte beschwerten, wertete Reich-Ranicki als positives Signal: Denn die "Frankfurter Anthologie" hatte nicht zuletzt den Effekt, die öffentliche Diskussion über Lyrik zu stimulieren. (Exemplarische Beispiele
für Reaktionen
auf die "Frankfurter
Anthologie"
folgen.) Entstehung und Konzept Gedichte und Interpreten Resonanzen Beispiele Bücher Beispiele Mitarbeiter von literaturkritik.de, die für die "Frankfurter Anthologie" Gedichte ausgewählt und Interpretationen dazu geschrieben haben, stellen hier je ein Beispiel zur Verfügung: Thomas
Anz zu Robert Gernhardt:
Noch einmal: Mein
Körper Entstehung und Konzept Gedichte und Interpreten Resonanzen Beispiele Bücher Bücher Der erste Band der "Frankfurter Anthologie" erschien 1976 im Insel Verlag und enthält 60 Beiträge, die zwischen Juni 1974 und September 1975 in der F.A.Z. erschienen sind. Im Jahr 2007 erschien der 30. Band, 2010 der 33. Band. Im April 2011 erschien die "Frankfurter Anthologie" mit Band 34 erstmals im S. Fischer Verlag. Die "Frankfurter Anthologie" ist also mittlerweile zu einer kleinen Bibliothek avanciert. Dass es durchaus ein stattliches Publikum für ein solches Publikationsunternehmen gibt, beweisen die Auflagenzahlen. Einige Bände sind in mehreren Auflagen erschienen, etliche sind zur Zeit vergriffen (Übersicht hier). In jedem Band sind die Gedichte nach dem Geburtsjahr des Dichters geordnet, finden sich Quellenhinweise, Kurzbiographien der Interpreten und ein Verzeichnis aller in der Anthologie bisher erschienenen Gedichte und ihrer Interpreten. Im Jahr 2002 erschienen aus der "Frankfurter Anthologie" in einer zwölf Bände umfassenden Buchkassette: 1400 deutsche Gedichte
und ihre Interpretationen.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Seit einigen Jahren werden aus dem immer größeren Fundus an Gedichten und Interpretationen neue Bücher 'gemacht': Frauen
dichten anders.
Sonderausgabe.181
Gedichte mit Interpretationen.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 2002. Brecht.
Der Mond über Soho.
66 Gedichte mit Interpretationen.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main: Ich
hab im Traum geweinet.
44 Gedichte mit Interpretationen
von Heinrich Heine.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 2001. 212 Seiten,
€ 9,50 Rainer
Maria Rilke: Und
ist ein Fest geworden.
33 Gedichte mit Interpretationen.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 2000. 154 Seiten,
€ 7,50 Hundert
Gedichte des Jahrhunderts.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 2000. Verweile
doch. 111 Gedichte
mit Interpretationen
von Johann Wolfgang
von Goethe. Hg. von
Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 1999. 511 Seiten, € 20,80. Dieser Band erschien 2008 in einer erweiterten Fassung mit neuem Titel: Johann Wolfgang Goethe: Herrlich wie am ersten Tag. 125 Gedichte und ihre Interpretationen. Hg. von
Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 2008. 568 Seiten, € 16,00. Johann
Wolfgang von Goethe:
Alle Freuden die
unendlichen.
Liebesgedichte und
Interpretationen.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt am Main:
Insel 1987. 184 Seiten,
€ 11,80 Über
die Liebe. Gedichte und Interpretationen aus der Frankfurter Anthologie.
Hg. von Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt am Main: Insel 1985. 346 Seiten,
€ 9,50 Mitarbeit: Franziska Flachsbarth, Moni Münch Zuletzt aktualisiert: 21.4.2013 |
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